
Cristina Cortellini
Für eine zukunftsfähige Welt

Kantonsrat
May 4, 2026
Gläserne Decke für weibliche Notariate
Historisch gab es das im Kanton Zürich erst zwei Mal: Regierung auf allen Stufen in weiblicher Führung
Der frisch gewählten Frau Kantonsratspräsidentin, Frau Regierungspräsidentin und insgesamt dem neu gewählten weiblichen Bock – also, eigentlich neu der «Geiss» – ich gratuliere an dieser Stelle herzlich für so viel Frauenpower!
Notariatswesen von Frauenpower weit entfernt
Diese würde ich mir auch im Zürcher Notariatswesen wünschen. Denn manchmal verraten Zahlen mehr als lange Berichte:
Über Fünf-und-Fünfzig (55) Jahre – und in dieser Zeit gerade einmal zwei Frauen, die im Kanton Zürich als Notarinnen tätig waren. Zwei!
Über Jahrzehnte hinweg zwei Frauen, die bis ganz nach oben aufgestiegen sind. Die erste Frau hatte es (endlich!) 2006 geschafft und blieb 10 Jahre. Die Zweite überwand die Hürde 2022. Doch inzwischen hat sie das Handtuch geworfen. Nicht, weil sie die Kompetenz nicht gehabt hätte. Nicht, weil die Arbeit sie überfordert hätte. Sondern weil sie an Strukturen scheiterte, die keine Abweichung vom Vollzeitmodell dulden. Jobsharing? Flexible Modelle? Alles ausgeschlossen.
Gläserne Decke für Frauen Diese Geschichte ist kein Einzelfall, sondern ein Symptom. Sie zeigt, dass wir im Zürcher Notariat eine unsichtbare Barriere haben – eine gläserne Decke, die Frauen von Spitzenpositionen fernhält. Und das, obwohl das Notariats-Gesetz selbst nirgendwo ein Vollzeitpensum vorschreibt. Im Gegenteil: In Artikel zwei (2) dieses Gesetzes ist sogar ein gewisser Gestaltungsspielraum hinsichtlich der Organisation der Amtsnotariate durch den Regierungsrat vorgesehen. Die Notariatsvollzeitstelle ist somit keine zwingende Regel, sondern bloss eine überkommene Verwaltungspraxis – wie ein Relikt aus einer anderen Zeit, aber im Zürcher Notariatswesen noch immer bestimmend. Und sie wirkt wie Beton.
Heute sprechen wir über eine Gesetzesanpassung, die unbestritten ist. Es geht darum, das Notariatsgesetz von 1985 anzupassen – ich wage nicht, von Modernisierung zu sprechen, denn davon sind wir noch weit entfernt.
Aktuelle Anpassung des Notariatsgesetzes reicht nicht
Zurück zur heutigen Anpassung: Künftig soll das Obergericht selbst per Weiterbildungsverordnung festlegen können, welche erweiterten Befugnisse Notariatsangestellte übernehmen dürfen. Das macht die Notariate flexibler und reagiert auf die steigenden Anforderungen, gerade im Konkurswesen. Seit 2025 beschert uns die SchKG-Revision mehr Arbeit – zusätzliche Fachkräfte sind dringend nötig.
Und dass die Zürcher Notariate mit den Geschäften nicht mehr nachkommen, wissen wir spätestens seit der Beantwortung der Anfrage vom letzten Herbst. Aus Kapazitätsgründen werden Geschäfte verzögert abgewickelt, vertröstet oder gar weitergewiesen. Einerseits sind Aufgabenfülle und Komplexität gestiegen, andererseits mangle es an Personal.
Attraktivere Arbeitsbedingungen im Notariat
Doch die wahre Herausforderung, den Beruf attraktiv zu gestalten, liegt nicht allein in den Befugnissen, sondern in den Rahmenbedingungen, die Karrieren im Notariat bestimmen. Denn hier liegt der Widerspruch: Einerseits wollen wir mehr Köpfe, mehr Kompetenz, mehr Flexibilität. Andererseits halten wir an Strukturen fest, die hochqualifizierte Menschen ausschliessen. Wer Familie hat, wer nicht im 100-Prozent-Pensum arbeiten kann oder will, wer neue Arbeitsmodelle sucht, bleibt auf der Strecke.
44 Notare - 44 Männer
44 Notare haben wir – alles Männer, alle Vollzeit. Darunter rund hundert Stellvertretungen, viele in Teilzeit, und fünfhundert Mitarbeitende, ebenfalls oft in Teilzeit. Je höher die Stufe, desto verschlossener das System. Desto patriarchaler und veralteter die Strukturen.
Erst kürzlich gab es zwei Amtswechsel: eines im Notariat Zürich-Unterstrass und das andere in Wallisellen. Endlich eine Frau? Nein. Auf den pensionierten Armin folgt neu der Gregor, und auf den ebenfalls in den Ruhestand gehenden Sandro der Matthias. Verstehen Sie mich nicht falsch – ich zweifle nicht an ihren Fähigkeiten. Es geht nicht um diese Einzelpersonen. Doch ich vermisse – irgendwo, irgendwann - eine Frau bei unseren 44 Notariaten…
Jobsharing im Notariat ermöglichen
Das ist nicht nur ein Gleichstellungsthema, es ist eine Frage der Zukunftsfähigkeit. Wer auf die Hälfte des Talentpools verzichtet, wer Frauen auf Stellvertreterstellen festhält, der verschärft den Fachkräftemangel, statt ihn zu lösen. Dieser Arbeitgeber macht sich für viele Mitarbeitenden unattraktiv und verstaubt - auch für junge Männer.
Wir wissen: Der Bedarf steigt, der Arbeitsmarkt ist leergefegt. Unser Notariat verzichtet bewusst auf Mitarbeitenden-Potenzial – und das können wir uns nicht leisten.
Andere Bereiche sind da längst voraus. In der Privatwirtschaft, bei Anwaltskanzleien, in Schulen, sogar in Gerichten funktioniert Jobsharing, funktioniert Teilzeit, funktioniert geteilte Verantwortung. Warum soll das ausgerechnet im Notariat unmöglich sein? Es gibt keinen Paragrafen, der uns daran hindert. Es fehlt nur der Wille, endlich auch hier Strukturen zu öffnen.
Darum darf diese Gesetzesanpassung nicht bloss eine technische Korrektur sein. Sie muss der Auftakt sein, das Notariat im Kanton Zürich wirklich zu modernisieren. Wir müssen uns von überkommenen Vollzeitdogmen lösen. Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, die es ermöglichen, dass Männer wie Frauen ihren Weg bis ganz nach oben gehen können – in Vollzeit, in Teilzeit oder im Jobsharing.
Modernisierung des Notariatswesens gefordert
Im Frühling 2025 haben wir genau zu diesem Thema ein Postulat eingereicht. Wir warten gespannt auf die Antwort des Regierungsrates. Aber schon heute ist klar: Wenn wir wollen, dass das Notariat zukunftsfähig bleibt, dann reicht es nicht, Befugnisse auszuweiten. Dann müssen wir auch die Strukturen ändern. Zürich verdient ein Notariat, das Chancen eröffnet – nicht eines, das sie abblockt. Das heutige Zürcher Notariatswesen wirkt in vielen Teilen noch wie aus einer anderen Zeit.
Immerhin wurde die Notwendigkeit erkannt: Unter Einbezug des Notariatsinspektorats, der Mitarbeitenden und der Personalverbände wurde kürzlich eine Personalstrategie erarbeitet und Massnahmen festgelegt. Unter anderem sollen die Laufbahnen auf den Notariaten überprüft und, wo sinnvoll, überarbeitet werden. Hier hoffe ich sehr, dass insbesondere auf die jüngeren weiblichen Mitarbeitenden gehört wurde. Denn: Die Leitung des Notariatsinspektorats haben 3 Männer inne und auch bei den massgeblichen Personalverbänden - dem Notaren-Kollegium und der Gesellschaft der Notar-Stellvertreter - ist die Führung in reiner Männerhand. Doch es besteht Grund zur Hoffnung: Immerhin sitzen im Vorstand der Notar-Stellvertreter 4 Frauen. Liebe Notar-Stellvertreterinnen - ich zähle auf Sie!
Es genügt nicht, Worte in einem Leitbild zu verewigen. Ich zitiere aus dem Leitbild des Notariatswesens: «Wir bieten … zeitgemässe Arbeitsbedingungen». Diese Worte müssen GELEBT werden!
Wir wollen ein Notariat, das Leistung, Kompetenz und Motivation belohnt – unabhängig vom Beschäftigungsgrad.
Es wäre ein Gewinn für alle: für die Mitarbeitenden, für die Gleichstellung, für die Attraktivität dieses Berufsfeldes und nicht zuletzt für die Bevölkerung, die auf funktionierende und gut besetzte Notariate angewiesen ist. Es braucht Fachkräfte? Dann müssen wir uns bewegen! Weiterbildungen sind ein guter Schritt - zeitgemässe Arbeitsbedingungen für alle müssen folgen!
36 Stellvertreterinnen in 28 Notariaten - Potenzial für künftige Notarinnen ist vorhanden
Ich möchte meinen Appell an die Notar-Stellvertreterinnen verstärken: Aktuell sind Sie 36 Stellvertreterinnen in 28 Notariaten. Wir unterstützen Sie, wir glauben an Sie! Wir möchten in den nächsten Jahren die Mehrheit dieser 28 Notariate mit einer weiblichen Führung oder Co-Führung besetzt sehen. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg!